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Seehundjäger: Hege und Pflege für den Bestand 

Seehundjäger Karl-Heinz mit einem Heuler, den er im Stinteck eingesammelt hat. Foto: Santjer

- (50) Torben Ulpts hievt Felix in den Transportbus. - (69) Viele Zuschauer beobachten, wie Jan Dohndorf und Tanja Rosenberger Otti zum Schiff bringen. - (85) Ein letzten Blick über die Schubkarren-Kante und schon geht es für Heike ab in die Nordsee. Fo

Von Ulrike Krickau

Am wohlsten fühlt sich der Seehund im Meer. Aber manchmal kommt er auch an Land. Vielleicht ist er verletzt. Oder er ist krank, geschwächt. Oder es ist ein Heuler, dessen Mutter nicht zurückgekehrt ist. Dann stehen entlang der deutschen Nordseeküste 50 ehrenamtlich tätige Seehundjäger bereit, sich um ihn zu kümmern. 

Armin Jeß ist in der Nationalparkverwaltung Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer unter anderem für die Koordination der Seehundjäger zuständig. Er weiß, was es mit dem scheinbaren Widerspruch zwischen der Bezeichnung als Seehundjäger und der Aufgabe, die Seehunde für ein Leben im Meer fit zu halten, auf sich hat. Denn der Begriff des Seehundjägers stammt keineswegs aus einer längst vergangenen Zeit, sondern entstand erst Anfang der 70-er Jahre. 1974 wurden Seehunde dem Jagdrecht unterstellt. Für sie gilt seither eine ganzjährige Schonzeit. Das war früher anders: Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Seehunde stark bejagt, galten sie doch als Konkurrenten in der Nutzung der Fischvorkommen. 

Die heutigen Seehundjäger sind, wie der Name schon sagt, ausgebildete Jäger und eine Waffenbesitzkarte erlaubt es ihnen, eine Waffe mitzuführen. Aber im Mittelpunkt der ehrenamtlichen Tätigkeit eines Seehundjägers ist nicht die Nottötung eines Tieres, sondern die Hege und Pflege des Bestandes. Ein Aspekt, der in der öffentlichen Einschätzung von Jägern viel zu wenig berücksichtigt wird, findet Armin Jeß. Bis zu 100 Mal im Jahr wird ein ehrenamtlicher Seehundjäger zur Hilfe gerufen. Oft sind es Touristen, die einen Seehund am Strand finden und dann Polizei oder Badeaufsicht benachrichtigen. Der Seehundjäger, ob er nun gerade als Koch in der Küche eines Hotels steht oder als Landwirt auf dem Feld arbeitet, wird benachrichtigt und macht sich dann so rasch wie möglich auf den Weg. 

Häufig genug findet er dann eine sehr bedrückende Situation vor: Ein geschwächter Seehund hat es beispielsweise nach einem Sturm an den Strand geschafft, um dort zu rasten. Statt großzügigen Abstand zu halten, nutzen einige Menschen die Gelegenheit, um ihre Kinder gemeinsam mit dem geschwächten Tier abzulichten. In ihren Augen tun sie nichts Unrechtes, denn das Tier liegt ja scheinbar ganz entspannt am Strand. Aber der Seehundjäger weiß, wie gestresst ein Seehund in diesem Moment ist, denn normalerweise hat ein Seehund eine Fluchtdistanz von mindestens 200 Metern. Häufig bleibt dem Seehundjäger nichts anderes übrig, als den Seehund an einen Ort bringen, der einsam genug gelegen ist, um dem Seehund genügend Raum und Zeit zur Erholung zu geben. Seehundjäger verfügen über die notwendige Schutzausrüstung, um sich den Seehunden zu nähern. Denn trotz ihrer großen Kulleraugen und den anmutigen Bewegungen im Wasser sind Seehunde Beutegreifer, wie Raubtiere heute genannt werden, und verfügen über ein starkes Gebiss und können obendrein für den Menschen gefährliche Erkrankungen übertragen. 

Erfahrung und Wissen  

Eine Einschätzung, wie stark ein Tier verletzt ist, kann der Seehundjäger aufgrund seines Wissens und seiner Erfahrung auch sehr rasch vornehmen. Gerade im Herbst und im Winter, während der Stürme und wenn es besonders kalt ist, zeigt sich, welche Tiere zu schwach für das Leben in der Natur sind. Es ist die Natur, die diese Auslese trifft, nicht der Mensch. Aber bei ihm liegt die Aufgabe, und auch darüber muss der Seehundjäger entscheiden, bei einem zu stark geschwächten Tier die Nottötung vorzunehmen, statt es tagelang bis zu seinem unausweichlichen Tod leiden zu lassen. Aber das ist nur ein Aspekt seines Tuns und nun wirklich nicht der angenehmste Teil der Arbeit eines Seehundjägers. Viel erfreulicher findet es Armin Jeß, dass nach dem Seehundsterben Ende der 80-er und zu Beginn der 2000-er Jahre der Bestand sich sehr gut erholt hat und heute an der Nordseeküste fast jährlich neue Maximalwerte erreicht – auch dank des Engagements der Seehundjäger. 


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