Ausflugs- und Freizeittipps

Reif für die Insel

André Andersen, 47, liebt Ruhe und Beschaulichkeit des Lebens auf der Insel. Fotos: Martina Berliner

Eine Sehenswürdigkeit der Insel ist die alte Kirche mit dem halb eingestürzten Turm aus dem 13. Jahrhundert. Im Kirchenschiff gibt es eine Arp-Schnitger-Orgel.

Die Nordermühle beherbergt heute Ferienwohnungen.

Ein gebürtiger Hamburger lebt seit Jahrzehnten auf Pellworm 

von Martina Berliner

Leben, wo andere Urlaub machen. Für viele Menschen ist und bleibt das ein Traum. André Andersen hat gewagt, ihn Realität werden zu lassen. Vor 20 Jahren zog der gebürtige Hamburger mit Frau und Sohn von der Stadt aufs Eiland. Auf jene Nordseeinsel, die er seit Kindesbeinen kennt, weil er dort mit den Eltern jedes Jahr fünf Sommerwochen verbrachte: Pellworm. 

Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Keine Promenade, keine Beachbar. Die Strandkörbe stehen an den wenigen Badestellen auf Gras. Überall nichts als Weite, Ruhe und Beschaulichkeit. Die Urlaubsgäste kommen gerade deswegen, weiß André Andersen. Er verwaltet und vermietet Ferienhäuser und -wohnungen und verleiht Fahrräder. Außerdem engagiert er sich als Rettungssanitäter und betreibt ein Billardcafé in Pellworms Hauptort Tammensiel. In der „Schwarzen Acht“ treffen sich Insulaner und Touristen. 

André Andersen und seine Familie sind längst in die Inselbevölkerung integriert. 1200 Menschen leben dauerhaft auf Pellworm. Jeder kennt hier jeden. Insbesondere in Herbst und Winter, wenn die Fereiengäste abgereist sind und auch in der Landwirtschaft weniger zu tun ist, rückt die Inselgemeinschaft zusammen. Für manchen sei die Stille dieser Jahreszeit schwer zu ertragen, sagt Andersen. „Wer kein soziales Netz hat und nicht mit sich selbst klar kommt, dreht hier durch. Kriegt Depressionen oder greift zur Flasche.“ 

Allen, die mit dem Gedanken spielen, auf die Insel zu ziehen, rät er, nicht vorschnell Brücken hinter sich abzubrechen. Sein Hamburger Arbeitsplatz war ihm seinerzeit ein Jahr lang frei gehalten worden. „Wir hätten jederzeit zurück gekonnt. So sind wir damals kein Risiko eingegangen. Denn erst nach einem Winter kann man ermessen, ob man dauerhaft auf der Insel leben möchte.“ 

Längst findet Andersen auch an düsteren Tagen und Wochen Gefallen. Wenn nichts zu hören ist als das Pfeifen des Windes, das Rauschen des Regens, das Brausen der See oder das Schnattern der Gänse. Sogar die langen schwarzen Winternächte liebt er. „Weil der Sternenhimmel in der Dunkelheit viel intensiver leuchtet als an Land.“ 

Auch das Fehlen von Zerstreuung empfindet die Familie Andersen nicht als Entbehrung. „Dass es kaum Konsumanreize gibt, tut dem Portemonnaie gut. Auf Statussymbole legt hier sowieso niemand Wert. Und wenn wir mal aufs Festland fahren, um auszugehen, hat das viel höheren Stellenwert für uns als für Leute, die das jederzeit tun können. Wir genießen das seltener, aber dafür intensiver.“ 

An Land vergisst Andersen regelmäßig, sein Auto abzuschließen. Denn auf Pellworm ist das nicht nötig. Wegen fehlender Fluchtmöglichkeiten und intensiver sozialer Kontrolle gibt es praktisch keine Kriminalität. „Um meine Kinder habe ich mir nie Sorgen machen müssen“, zählt der dreifache Vater einen weiteren Aspekt der Lebensqualität auf der Insel auf. Die beiden Großen sind nach der zehnten Klasse für Ausbildung und Studium aufs Festland gezogen. Sein Jüngster besucht noch die Inselschule und verbringt jede Minute seiner Freizeit draußen, in der Natur. Er liebt Pellworm so heiß und innig wie sein Vater. 

Info: 

Pellworm ist die drittgrößte Nordfriesische Insel und liegt im Nationalpark Schleswig Holsteinisches Wattenmeer. Sie misst sieben Kilometer in West-Ost- und sechs Kilometer in Nord-Süd-Richtung. Das Land liegt etwa einen Meter unter dem Meeresspiegel und wird durch einen acht Meter hohen und 25 Kilometer langen Seedeich geschützt. Die Insulaner leben von Landwirtschaft – überwiegend Viehzucht – und Tourismus. Es gibt 1800 Gästebetten und knapp 160000 Übernachtungen pro Jahr. www.inselurlaub-pellworm.de


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