Natur

Frieren Schafe im Winter?

Schafe geht es auch bei Kälte draußen gut.

Von Ulrike Krickau

Es ist kalt. Es regnet. Der Wind bläst die letzten Blätter von den Bäumen. Erste Schneeflocken fallen. Die Böden sind feucht, die Luft klamm. Wer kann, bleibt im Haus und dreht die Heizung etwas höher. Nur die Schafe, die stehen noch immer auf den Feldern und den Binnendeichen. Ist das Tierquälerei? Oder doch nicht? 

Andreas Hadenfeldt ist Landwirt im Norden Dithmarschens, seine Schafe stehen zusammen mit den Rindern auf den Weiden rund um seinen Hof in St. Annen. Bevor er die Landwirtschaft seiner Eltern übernahm, hat er Biologie studiert und weiß deshalb nicht nur, dass es den Schafen auch bei Kälte draußen gut geht, sondern er kann es auch sehr gut erklären, warum das so ist: Kälte und Feuchtigkeit dringen gar nicht erst bis auf die Haut des Schafes vor. Davor schützt es seine dicke Wolle und vor allem das darin enthaltene Fett, das Lanolin. 

Ob Mensch oder Tier frieren, hat viel damit zu tun, wieviel Energie einem Körper durch die Kälte entzogen werden kann. Trägt beispielsweise ein Mensch bei kühleren Temperaturen einen dicken Pullover, der seine Haut vor der Kälte schützt, dann friert er nicht. Hat er dagegen bei warmen Temperaturen ein nasses T-Shirt an, kann es durchaus sein, dass er zu frösteln beginnt. Viel Wärme geht beim Menschen über den Kopf verloren, deshalb wird es ihm mit einer Mütze auf dem Kopf wohliger als mit einem zweiten Pullover. Wie es Tieren bei Kälte geht, lässt sich auch durch die Bergmannsche Regel erklären: Danach ist das Verhältnis zwischen der Körperoberfläche und dem Gewicht von großer Bedeutung. Je kälter es ist, desto größer – und kompakter – sind Tiere einer gleichen Art. Beim Pinguin wird das besonders deutlich. Der Kaiserpinguin in der kalten Antarktis wird bis 1.30 Meter groß. Der Galápagos-Pinguin, der in einer Region mit durchschnittlichen Temperaturen um die +25° lebt, wird höchstens 53 cm groß. Kombiniert wird die Bergmannsche Regel meist mit der Allenschen Regel, die besagt, dass höher im Norden die distal gelegenen Körperanhänge wie Ohren, Schwänze und Beine kürzer und kleiner werden, um das Verhältnis zwischen Körperoberfläche und Masse den Temperaturen anzupassen. Dithmarscher Schafe sind also nicht nur durch ihre Wolle, sondern auch durch ihren kastenförmigen Körperbau bestens für die raue Witterung hoch im Norden Deutschlands geeignet. Schwarzkopfschafe haben weniger Wolle 

 

Seit die Schafe nicht mehr auf ihre Wolle hin gezüchtet werden, ist das Weißkopfschaf mit seinen wolligen Beinen und dem wolligen Kopf aus der Mode gekommen, die heutigen Texel- und Schwarzkopfschafe haben häufig wenig Wolle an den Beinen und sind deshalb Temperaturen, die über -20° hinausgehen, kaum noch gewachsen. Ihr Defizit an Wolle können sie bei nicht allzu tiefen Temperaturen über eine Veränderung des Stoffwechsels kompensieren. In den haarlosen Beinen verlangsamt sich der Stoffwechsel. Was bei Kälte ein Vorteil ist, erweist sich bei einem Angriff etwa durch einen Wolf als Nachteil, denn es dauert eine ganze Weile, bis die Beine wieder hinreichend durchblutet sind, um flüchten zu können. Die Schafe von Andreas Hadenfeldt stehen das ganze Jahr auf der Weide, schon lange sind die Winter nicht mehr so kalt, dass die Schafe dadurch beeinträchtigt werden könnten. Nur im späten Winter und im Frühjahr, zur Lammzeit, kommen seine Schafe zum Lammen in den Stall. Weil die Kleinen, anders als ihre Mütter, die Wärme brauchen und es sich unter der Wärmelampe gemütlich machen dürfen, bis sie stark genug für die Weide oder den Deich sind. 


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