Ausflugs- und Freizeittipps

Plietsch durchs Watt

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Von Ellen Hinrichs

Man sieht es dem Watt nicht an, so vermeintlich braun-grau-tot wie es auf den ersten Blick wirkt. Tatsächlich gehört das Wattenmeer aber zu den bewegtesten Lebensräumen der Erde, mehr noch, es gehört auch zu den produktivsten. Und wer die Ohren aufsperrt, der hört auch, dass unter der Oberfläche Leben und Bewegung ist. Es blubbert, zischt und pupst. Das Wattenmeer von den Niederlanden bis nach Dänemark ist derart besonders, dass es von der UNESCO in die Liste des Welterbes aufgenommen worden ist und in einem Atemzug mit anderen Naturwundern wie dem Grand Canyon und dem Great Barrier Reef genannt werden kann.

Das Welterbe Wattenmeer erstreckt sich auf 11.500 Quadratkilometern entlang der Küste mit einer Länge von etwa 500 Kilometern. Und mittendrin leben Dithmarscher und Nordfriesen. Doch wie so oft, nimmt man das, was vor der Haustür liegt, allzu selbstverständlich hin. Nur so ist zu erklären, dass ich als gebürtige Dithmarscherin an einem Sonntag im Juni das allererste Mal an einer Wattwanderung mit einem Wattführer teilnehme, und so einige Tage bin ich ja auch schon auf dieser Welt. Wie auch immer: Für mich ist die geführte Wattwanderung an diesem Sonntag im Juni eine Premiere. Und Krabben mit einer Gliep, dem traditionellen Schiebenetz, sollen wir auch noch fangen. Ich freue mich drauf. Mit acht Erwachsenen und einem Kind, dem lebhaften Vincent aus dem fernen Rosenheim, umringen wir unseren Wattführer Jens Uwe Blender auf dem Deich in Westerkoog. Er beginnt mit Informationen zu Ebbe und Flut und zu den Deichen, die immer höher werden müssen, weil der Meeresspiegel ansteigt. Zeigt, wo St. Peter-Ording liegt und wo die Bohrinsel, die heute wegen des Status Weltnaturerbe nicht mehr genehmigt werden könnte. Berichtet, dass es Schlickwatt und Sandwatt gibt. Und dann wird Jens Uwe Blender unverhofft sehr ernst, und er warnt eindringlich: „Wagen Sie sich alleine nie zu weit ins Watt hinaus. Seenebel, Treibsand und volllaufende Priele sind schon vielen Menschen zum Verhängnis geworden.“ Und dann geht es los, mit ersten vorsichtigen Schritten auf dem Wattboden. Aber zuvor habe ich eine Entdeckung gemacht, die mich nachhaltig begeistert: Beachies, eine Art Wattstrumpf mit flexibler Kunststoffsohle. Jens Uwe Blender hat sie in verschiedenen Größen immer dabei und bietet sie seinen Schutzbefohlenen an. „Muscheln können so verdammt scharfkantig sein“, sagt er. Unsere kleine Gruppe setzt sich wie folgt zusammen: ein Ehepaar aus Cottbus; junge, werdende Eltern aus Pinneberg; Vincent aus Rosenheim mit seiner Oma und ein deutsch-asiatisches Paar aus dem Rheinland. Wir alle setzen zaghaft und übervorsichtig einen Fuß vor dem anderen, immer darauf bedacht, nicht auszurutschen. Alle – bis auf Jens Uwe Blender und Vincent, der nach kurzer Zeit hüpft, springt und ohne Scheu mit Watt herumsaust, als hätte er nie etwas anderes getan. Am Ende der Wattwanderung wird er von oben bis unten mit Schlick bedeckt sein. „Andere bezahlen Geld dafür“, merkt Jens Uwe Blender trocken an. So wie Vincent heute, so war wohl auch er als Kind, aufgewachsen direkt hinter dem Deich. Hinter der Lahnung, an der ausgebüxte Austern von Zuchtfarmen vor Sylt haften, zieht Jens Uwe Blender mit dem mitgebrachten Spaten einen Kreis und gräbt einen Klumpen Watt heraus. Wir erfahren in der nächsten Stunde, dass sich Millionen von winzigen Algen, kleinen Würmern, Schnecken, Muscheln und Krebsen ober- und unterhalb des Wattbodens tummeln. Dass diese vielen, vielen, kleinen und kleinsten Lebewesen Nahrung für Fische und Vögel sind. Sich hier abertausende von Zugvögeln auf ihrer Rast vollfressen, um dann gestärkt weiterzufliegen. Es räuberische Würmer gibt, Bodenfresser und Filtrierer. Dass viele Muschelarten eine Art „Schnorchel“ besitzen, den Siphon, den sie aus dem Boden ragen lassen, während ihr Muschelkörper sicher im Watt verborgen bleibt, was sie nicht vollständig vor hungrigen Vogelschnäbeln schützt. Mit dem Siphon können sie sauerstoff- und nahrungshaltiges Wasser einsaugen und verbrauchtes abgeben. „Besonders wichtig fürs Watt ist der Wattwurm, der durch seine Fresstätigkeit die oberen 20 Bodenzentimeter alljährlich einmal umpflügt“, erklärt Jens Uwe Blender. In seiner hohlen Hand zeigt er einen Wattwurm und überrascht mit der Auskunft, dass das Blut von Wattwürmern kompatibel sein soll mit Menschenblut und es wohl Überlegungen gibt, daraus Blutplasma zu gewinnen. Wattwürmer legen Wohnröhren an, in die sie ständig Frischwasser hineinpumpen. Mein Stift saust nur so übers Papier, ich komme kaum hinterher bei der Fülle von Informationen. Unsere letzte Station, bevor wir wieder zurückkehren an den Deich, ist der Priel. Hier fischt Jens Uwe Blender mit der Gliep Krebse (korrekt müsste es Strandkrabben heißen) aus dem Wasser und zeigt uns die Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen. Die männlichen sind diejenigen, die immer Ärger machen und böse zukneifen können. Ich persönlich stehe seit Kindertagen auf Kriegsfuß mit ihnen. Weibliche Krebse hingegen können gar nicht zukneifen! Sagt unser Wattführer. Auch Krabben (korrekt müsste es Garnelen heißen) finden sich in Blenders Gliep. Ungekocht sind sie fast durchsichtig. Zum Vergleich hat unser Wattführer verzehrfertige, gekochte Krabben in einem kleinen Eimer dabei. Wir dürfen naschen. Und endlich, endlich kann ich glänzen. Ich mache zwar das erste Mal eine geführte Wattwanderung mit – aber Krabben pulen, das kenn‘ und kann ich.


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